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Z - DAS ZOAR-MAGAZIN
Ausgabe 1+2 2018



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12.05.2015 11:13 Alter: 3 yrs
Kategorie: Aktuelles

Einweihung des Mahnmals auf dem Gelände des Rheinhessischen Diakoniezentrums Heidesheim zum Gedenken an 73 deportierte Bewohner in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft


Heidesheim. „Diese Stele soll ein sichtbares Zeichen des Erinnerns und Mahnens darstellen“, sagte Dr. Silvia Klengel, Erste Beigeordnete der Ortsgemeinde Heidesheim. „Das Mahnmal soll die Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel nationalsozialistischer Herrschaft im 3. Reich für immer aufrechterhalten.“ Rund 60 Gäste wohnten der offiziellen Einweihung des Mahnmals auf dem Gelände des Rheinhessischen Diakoniezentrums Heidesheim am vergangenen Freitag, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, bei. Musikalisch umrahmt wurde die feierliche Zeremonie von Clemens Wollner und Christine Doka vom Chor „Zoar-Live“. Mit Gitarren-Begleitung von Clemens Wollner sangen sie „Sag mir, wo die Blumen sind“, „Da berühren sich Himmel und Erde“ und „Ins Wasser fällt ein Stein“. 

Nach der Begrüßungsansprache von Dr. Silvia Klengel gedachte Zoar-Direktor Peter Kaiser den 73 deportierten Bewohnerinnen und Bewohnern des ehemaligen Landesalters- und Pflegeheims auf dem Gelände des Rheinhessischen Diakoniezentrums, das heute zum Evangelischen Diakoniewerk Zoar gehört. „Indem wir uns erinnern und der unschuldig Ermordeten gedenken, geben wir den Opfern ein Gesicht und auf diese Weise ihre Würde zurück.“ 

Zoar-Direktor Peter Kaiser: „Jedes Leben ist wertvoll“

70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen fielen während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland der systematischen Ermordung zum Opfer. Unter dem verschleiernden Begriff „Euthanasie“, was soviel heißt wie „schöner Tod“, auch Gnadentod genannt,  starben allein 15.000 Menschen in der hessischen Anstalt Hadamar. „Ihr Leben galt als unwert“, so Peter Kaiser in seiner Ansprache zum Gedenken an die Opfer. Dabei sei es Aufgabe der Gesellschaft, gerade die Kranken, Schwachen und Beeinträchtigten zu unterstützen und zu fördern. „Seit dieser Zeit, in der große Verbrechen an der Menschlichkeit begangen wurden, hat sich, zum Glück für uns alle, sehr viel verändert“, so Direktor Kaiser weiter. „Mit dem Erfahrungshintergrund des 2. Weltkriegs gelang es, in Deutschland eine auf bürgerlichen Rechten aufbauende, demokratische und zivilisatorische Gesellschaft zu formen. Wir alle sind die Nutznießer eines Lebens in Frieden und sozialer Sicherheit; unter der Berücksichtigung menschlicher Würde und Einzigartigkeit. Denn jedes Leben ist wertvoll.“

Auch Ursula Hartmann-Graham, Zweite Beigeordnete des Landkreises Mainz-Bingen, sprach ein Grußwort im Rahmen der Gedenkfeier. „Es erfüllt mich mit Trauer und Stolz, an der heutigen Veranstaltung, an der das Mahnmal seiner Bestimmung übergeben wird, teilnehmen zu dürfen.“ Die Gräueltaten des NS-Regimes seien beispielslos grausam gewesen. Alte, Kranke und Schwache seien unter der Überschrift „Euthanasie“, ein Programm der NS-Gesundheitspolitik, nicht nur ausgegrenzt, sondern ausgerottet worden. Nina Kinkel, die während ihres Studiums eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema verfasst hat, trug mit historischen Ausführungen zur Gedenkfeier bei. Zur Manifestierung ihrer Arbeit erhob sie empirische Daten und führte unter anderem Gespräche mit Zeitzeugen. Sie zitierte Aussagen wie „Hitler hat diese Menschen einfach verschwinden lassen“ oder „Sie wurden von grauen Bussen abgeholt“. Die Busse mit den getönten Scheiben finden sich auf der Stele wieder, die vom Heidesheimer Künstler Tobias Boos entworfen wurde. 

Gesundheitspolitik im Namen der Erb- und Rassenpflege

Renate Rosenau, Koordinatorin für das landesweite Gedenken und Erinnern an die Euthanasie, ging näher auf die Sammeltransporte ein, die immer erst in Zwischenanstalten (zum Beispiel Eichberg) führten. Dort wurden die Menschen mit Beeinträchtigungen, deren Tod bereits beschlossen war und die deswegen ein rotes Kreuz in ihrem Meldebogen trugen, gesammelt. In den Zwischenanstalten gab es, laut Renate Rosenau, keine ärztliche Versorgung und kaum genug zu essen und zu trinken. Viele Menschen starben dort bereits aufgrund der Unterversorgung. Wenn in den sechs zentralen Tötungsanstalten Kapazitäten vorhanden waren, wurden die Opfer, die für den sogenannten Gnadentod bestimmt waren, von den Zwischenanstalten nach dort transportiert. Hadamar war eine dieser Tötungsanstalten, wo diese Menschen, deren Leben als unwert eingestuft worden war, durch Gas getötet wurden. „Dies alles geschah im Namen der Erb- und Rassenpflege“, berichtete Renate Rosenau. „Und war als Gesundheitspolitik zum Wohle des Volksganzen getarnt.“ 

Sie informierte darüber, dass bei den Gesundheitsbehörden dafür eigene Abteilungen eingerichtet worden waren und dass es ein Erbgesundheitsgericht gab, die ärztliche Gutachten zur Grundlage ihrer Entscheidungen heranzogen. Die ärztlichen Gutachter waren im Auftrag der Gesundheitsbehörde im ganzen Land unterwegs, um Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten „aufzuspüren“. „Das System war perfekt auf die Ausrottung dieser Menschen ausgerichtet. Tausendfach fanden zudem Zwangssterilisationen statt“, so Renate Rosenau. Das Handeln aller Beteiligten, wie zum Beispiel Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, sei zuvor auf Grundlage der nationalsozialistischen Rassegesetze straffrei gestellt worden. 

Vor der Enthüllung der Stele sprachen außerdem noch Jochen Schmidt, einer der Ideengeber, der das Mahnmal in seiner Symbolik erklärte. Der dreieckige Sockel symbolisiert den Leidensweg der Opfer; vom Heim, in dem sie Schutz und Hilfe zu finden gehofft hatten, in die Zwischenanstalt und von dort in die Gaskammern der Tötungsanstalten. Martin Weidmann, Bürgermeisters von Heidesheim, bedankte sich herzlich für die Initiative der Ersten Beigeordneten der Ortsgemeinde Heidesheim, Dr. Silvia Klengel, ohne deren Bemühungen eine Umsetzung in diesem würdigen Rahmen nicht möglich gewesen wäre.

Die Inschrift des Mahnmals lautet:

Von dieser Stelle wurden in den Jahren 1941
bis 1954 über 73 wehrlose Menschen dem Gas-
tod zugeführt. Sie wurden Opfer der national-
sozialistischen Ideologie, die "lebensunwertes
Leben" nach ganz eigenen ausgrenzenden De-
finitionen festschrieb. Diesen Mord nannte
man "Euthanasie". 53 Patienten des damaligen
"Landes-Alters- und Pflegeheimes" wurden
1941 durch die Umsetzung der 1. Phase der
"Aktion T4" in den Gastod geschickt. Eigens
für diese Transporte verdunkelte Busse brachten
in der 2. Phase von 1942 bis 1945 weitere 20
Opfer zur "Heil- und Pflegeanstalt Eichberg"
und schließlich nach Hadamar und auch nach
Goddelau, wo sie ermordet wurden.

Die Täter waren Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger,
Angehörige der Justiz, der Polizei, der Gesund-
heits- und Arbeitsverwaltung.

Das "Landes-Alters- und Pflegeheim Heides-
heim" bildetet eine Zwischenstation für die
Menschen. Sie wurden aus ihrem Zuhause
gerissen und ihr Leben endete in einem gara-
gengroßen "Duschraum" in Hadamar, wo bis
zu 50 Menschen zusammengedrängt vergast
wurden. Ein Dreieck der Gewalt und der Un-
menschlichkeit gegen Unschuldige: Heimatort-
Anstalt in Heidesheim - Gastod in Hadamar.

Wir gedenken der Opfer, die uns namentlich
bekannt sind und derer, deren Spur sich im
Unbekannten verliert.

Weitere Fotos finden Sie hier

Alexandra Koch | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Zoar | 11. Mai 2015